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Traue keinem Gesichtsleser!

Patrick_BadezimmerBist du schon einmal einem Gesichtsleser begegnet?

Nein? Nun, ich rate dir, traue ihnen nicht. Gesichtsleser sind Typen, die morgens nach dem Aufstehen als erstes ins Badezimmer rennen und locker 2 Stunden vor dem Spiegel abhängen. Nicht aus Eitelkeit, nein. Eher ist diese Eigenart damit zu beschreiben, dass sie sich auf die Suche nach mikrokosmischen kleinen Falten und Unebenheiten begeben, um wieder neue Erkenntnisse über die Tiefen ihres Seins zu erlangen. Jeder Pickel wird genüßlich inspiziert und oftmals fotografisch festgehalten. Die Extremisten unter den Gesichtslesern malen sich auch mit Lippenstift Kreise und Zeichen ins Gesicht, um die einzelnen Positionen bei der Nachinspektion leichter lokalisieren zu können. Den morgentlichen Stau und das Gebrülle vor der Badezimmertür nehmen sie dafür gerne in Kauf.

Während andere Menschen einem ehrlichen Job nachgehen, ist der Gesichtsleser damit beschäftigt andere Menschen unentwegt anzuglotzen. Wenn du in der S-Bahn einem gegenübersitzt, dann hast du verloren. Du erkennst den Gesichtsleser daran, dass er der Einzige ist, der nicht sabbernd auf sein Handy starrt. Und das ist wirklich gruselig – dieser Mensch guckt dir direkt ins Gesicht. Gelegentlich tut er so, als schaue er aus dem Fenster. Doch in Wirklichkeit nutzt er diesen Moment, um die Spiegelung deines Gesichts zu begutachten.
Wenn du dann mal in die Verlegenheit kommen solltest einen direkten Dialog mit einem Gesichsleser zu führen, schaue dir nur seine Schuhe an. Das wird ihn aus der Fassung bringen, da er nicht damit rechnet, dass es Dialoge über alte ausgelabberte Turnschuhe geben kann. Er wird anfangen zu stammeln, da er nichts ausser Gesichter in seinem Leben kennt. Ein Pickel – ja, aber Schuhe sind eine unwichtige Randerscheinung im Brei des Universums.

Vorsicht ist auch geboten vor weiblichen Gesichtsleserinnen. Wenn jemand mit einem Handspiegel umgehen kann, dann ist es diese Spezies. Begegnest du also diesen Wesenheiten, passe auf, dass sie nicht anfangen in ihrer Handtasche zu wühlen. Sobald etwas Funkelndes zum Vorschein kommt, verlasse fluchtartig den Raum. Mit ihrer Spiegelmasche ziehen sie dich in ihren Bann und bringen dich dazu, dich selbst anzuschauen. Während du dann parallelisiert auf deine Nase glotzt, texten sie dich die ganze Zeit von der Seite zu. Was deine Nase zu sagen habe, und warum du unglücklich verheiratet bist, und ob du im Dialog mit deiner Seele stehst und all so ein Zeug.

Doch die Krönung der Gesichtsleser sind die, die tatsächlich vorgeben zu arbeiten. Gelegentlich verirren sich Menschen in die Praxis eines Gesichtslesers, in der Hoffnung etwas über sich in Erfahrung zu bringen. Was auch immer sie zu solch einen Schritt getrieben hat, sei jetzt mal dahingestellt, merkwürdig ist es alle Mal. Auf jeden Fall ist Vorsicht geboten. Nun sitzen sie also, nichts ahnend vor ihrem Peiniger und bleiben für ein paar Stunden bewegungslos stocksteif auf ihrem Sitz kleben. Sie wussten ja nicht, dass der Gesichtsleser auf einmal anfängt ihnen an den Ohren rumzugrabbeln und komische Sachen über die Kindheit faselt. Und ihnen war auch nicht klar, dass es von der Unterlippe zum After nicht weit ist, und dass sie Punkte im Gesicht drücken können, um ihr olles Karma aufzulösen. Spätestens wenn der Gesichtsleser anfängt zu erzählen, dass man das Gesicht in zwei Hälften teilen kann, sollten sie einen Vorwand einbringen, warum sie jetzt dringend nach Hause müssten. Genug ist genug. Erst fummelt der einem im Gesicht herum, und nun holt er noch sein Werkzeug raus, oder was!? Spätestens jetzt werden sie erkannt haben, was der Unterschied zwischen wirklicher Arbeit und der Sorte von Arbeit eines labernden Gesichtslesers ist.

Gesichtsleser

Massive Blockade des Badezimmers

Zum Schluß möchte ich noch eine Warnung aussprechen. Zur Zeit gibt es einen Trend, in dem immer mehr Menschen zu Gesichtslesern mutieren. Wie ein zombie-artiger Virus verbreitet sich dieses Phänomen, in denen Menschen auf einmal etwas von einem neuen Bewusstsein faseln, plötzlich vorgeben sie könnten Menschen wirklich verstehen und erzählen, dass sie aus ihrem Herzen heraus handeln würden.
Solltest du also einmal in der Bahn sitzen und dir gegenüber sitzen zwei bis drei Menschen, die nicht von ihrem Handy gegrillt werden und dir tatsächlich direkt ins Gesicht blicken, dann weißt du – jetzt ist es soweit. Dies ist der Moment an dem die Menschheit zurück ins Licht kehrt. Also direkt nach Hause, um für mehrere Stunden das Badezimmer zu blockieren.

Dieser Liebesbrief ist allen Gesichtslesern auf der Welt gewidmet.
Auch den Kleinen, den Mittelgroßen und den Riesengroßen, also ab 2m aufwärts.
Patrick, in einer spiegelfreien Stunde, im Oktober 2015.